Dienstag, 6. Dezember 2016

Weihnachtszauber von Celine Rosenkind

  
Celine Rosenkind mit dem bürgerlichen Namen Silvia Stoeßer, geb. 10. 6. 1950 in Anspach im Taunus lebt und schreibt im Bergischen Land erlebte Gedichte, Geschichten und Märchen.



Montag, 5. Dezember 2016

Weihnachten aus „Calling USA“ von Paula Dreyser


Bild von Krisi Sz.-Pöhls

„Calling USA“

Es beginnt mit alten Fotos … Nach mehr als dreißig Jahren findet Lydia Steve wieder –über Facebook. Ende der siebziger Jahre waren sie ein Paar, eine junge Deutsche und ein amerikanischer Soldat.
Der Hauptteil des Romans handelt von dieser Beziehung, von ihren Höhen und Krisen, dem heftigen, teilweise verzweifelten Bemühen der beiden und dem Scheitern am Ende. Der Leser wird zurückgeführt in die späten siebziger Jahre.

Leseprobe

Lydias Eltern, Helga und Ulrich, haben den amerikanischen Freund ihrer Tochter zum Weihnachtsfest 1977 eingeladen. Wie immer ist auch Lydias Oma Lina am Heiligabend mit dabei. Die siebzehnjährige Lydia freut sich, aber… ob alles gut geht, das weiß sie nicht. Ihre Eltern sind nicht so ganz glücklich darüber, dass sie mit einem der in Mainz stationierten amerikanischen Soldaten „geht“. 

Weihnachten

Die Familie empfing Steve freundlich. Lina erzählte ihm sofort von ihrem Mann, der am Ende des Zweiten Weltkrieges noch gefallen war. Lydia blieb kaum Zeit für die Übersetzung. Die Bescherung verlief deutlich chaotischer als üblich. Steve überreichte Helga und Lina amerikanisches Parfum aus der PX. Ulrich erhielt eine Mag-Lite-Taschenlampe, worüber er sich sichtlich freute. Lydia bekam ein Päckchen in rotem Weihnachtspapier mit grünen Sternchen. Darin befand sich eine Schachtel mit kleinen, vergoldeten Kreolen. Sie war entzückt und fand ihr Geschenk für ihn, ein Foto von sich in einem silbernen Rahmen und einen Spielzeugpanzer, ziemlich mickrig.

Steve allerdings war begeistert.

Duftseifen, Kölnisch Wasser und eine sehr hübsche dunkelgrüne Mokkatasse mit goldenen Mustern, Socken, Bücher, Pullover und Schokoladen wechselten die Besitzer. Fröhlich, mit leicht geröteten Wangen, übereichte Helga dem lächelnden Steve einen Korb mit Fleischwurst, Salami, Brezel, Stollen, Plätzchen und Wein.

Er strahlte.

Im Hintergrund sang ein Knabenchor Ihr Kinderlein kommet.

Beim Abendessen wurde viel gelacht.

„Ach!“, Lina redete nach dem zweiten Gläschen Wein beschwingt und viel, „früher, mit der kleinen Lydia war Weihnachten ja schöner.“ Bedauernd nickte sie. Ihr Blick verschwamm.

„Ja, da hatten wir natürlich einen größeren Weihnachtsbaum“, beeilte sich Helga zu sagen.

Daran konnte sich Lydia nicht erinnern. Der Christbaum war in ihrer Familie schon immer relativ klein ausgefallen, weil ihre Mutter die Nadeln und den Dreck nicht gerne wegmachte. Sie war bereits ziemlich müde, weil sie ständig übersetzte und niemand zu bemerken schien, dass dafür etwas Zeit einkalkuliert werden musste.

Jetzt beugte sich Lina zu Steve, der neben ihr saß, und schaute ihm vertrauensvoll in die Augen. „Aber meine Helga, die hatte ja als Kind kein schönes Weihnachtsfest.“ Sie wartete, bis Steve ihr nach der Übersetzung einen fragenden Blick zuwarf. „Warum?“, brachte er auf Deutsch heraus.

„Krieg. Da war doch Krieg.“ Linas Augen füllten sich mit Tränen.

Ulrich stöhnte, Helga unterdrückte ein Schluchzen.

Lydia hoffte inständig, dass die Stimmung nicht kippen würde.

„Wie feiert Ihre Familie denn Weihnachten?“, mischte Ulrich sich schnell ein. Er hatte offensichtlich die gleiche Befürchtung gehabt. Er nickte seiner Tochter zu, damit sie die Frage übersetzte.

Steve lächelte. „Wir feiern auch an Heiligabend. Das ist eine Familientradition, die mein Großvater begründet hat. Er kam aus Deutschland. Alle anderen Leute, die ich kenne, feiern am 25. Dezember. Für uns Kinder fängt der 24. damit an, dass wir meiner Mutter helfen, das Haus zu putzen und zu kochen. Wobei …“ Er machte eine Pause und grinste. „… die Mädchen machen schon mehr. Später nach dem Dinner verteilen wir die Geschenke. Mein Vater ist dafür zuständig, Anfang Dezember den Baum zu besorgen, der immer zu groß ist, sodass wir die Spitze abschneiden müssen. Das Dekorieren ist eine große Sache.“

„Ach!“ Helgas Interesse war geweckt. „Welchen Schmuck stellt deine Mutter denn her, also, mit deinen Schwestern zusammen?“

Wahrscheinlich dachte sie an hochwertige Christbaumdekoration von kunstgewerblicher Qualität. Lydia übersetzte die Frage nur ungern. Für sie nahm das Ganze eine peinliche Wendung.

„Auf dem Tisch steht eine große Schüssel mit Popcorn und Preiselbeeren. Die werden mit einer Nadel durchstochen und auf einen Faden gereiht“, antwortete Steve völlig unbedarft. Erwartungsvoll sah er daraufhin in die Runde, während Lydia übersetzte.

Helgas Gesichtsausdruck entglitt ein wenig. Was sie da hörte, entsprach sicher nicht ihrer Vorstellung von Kunsthandwerk. „Oh“, sagte sie leicht fassungslos, „wie interessant!“

„Also, so etwas Ähnliches haben wir als Kinder auch gemacht“, erklärte Lina stolz.

Helga riss die Augen auf.

Lydia und ihr Vater mussten sich das Lachen verkneifen.

Steve blickte fragend in die Runde. „Sie basteln auch Girlanden aus grünem und rotem Papier“, erzählte er lächelnd.

Helga entspannte sich. Das war wieder einer der Momente, in denen sie Lydia überraschte. Sie lachte, vor allem über sich selbst und ihre Erwartungen. „Was kommt noch an den Baum?“, fragte sie gut gelaunt.

„Lametta.“

„Aus … Alufolie?“

Verständnislos schüttelte Steve nach der Übersetzung den Kopf. „Nein, aus der Packung“, erklärte er.

Alle außer ihm lachten, bis ihnen die Tränen kamen.



Beim Verabschieden zur vorgerückten Stunde warf Helga Lydia einen verschwörerischen Blick zu. „Der ist nett“, flüsterte sie.

„Steve!“ Lina stand kerzengerade wie die Königin der Zwerge in Mantel und Schal mit geröteten Wangen im Flur.

„Yes“, erwiderte der so Angesprochene schmunzelnd und nahm Haltung an.

Lydia machte sich auf etwas gefasst. Sie würde wieder die Essenz einer umfangreichen Schilderung übersetzen müssen, obwohl sie mittlerweile völlig am Ende war.

„Als der Krieg vorbei war …“ Lina bohrte einen Daumen in Steves Brust. „ … da wurden Amerikaner in meiner Wohnung einquartiert. Die mussten ja irgendwohin. Vier Soldaten waren in meinem Schlafzimmer, meine Tochter und ich in der Küche.“ Vielsagend schaute sie dem jungen Mann tief in die Augen.

Nach der Übersetzung wurde Steves Gesichtsausdruck ernst. Er interessierte sich für Kriegs- und Zeitgeschichte.

Was er jetzt zu hören bekam, hatte er mit Sicherheit bisher in keinem Geschichtsbuch gelesen.

„Die waren in Ordnung“, erklärte Lina kategorisch, nahm den Daumen von Steves Brust und fuchtelte stattdessen mit erhobenem Zeigefinger direkt vor seiner Nase herum. „Den Soldaten war ja nicht erlaubt, mit uns zu reden. Das haben sie auch nicht. Aber sie haben die Tür aufgemacht und Lebensmittel in die Küche geworfen. Das war das erste Mal, dass meine Helga Schokolade bekommen hat.“ Jetzt kämpfte sie wieder mit den Tränen. „Nur einer von ihnen hat von seiner Ration nichts abgegeben“, setzte Lina ihre Schilderung fort. „Der war Jude. Das kann man ja verstehen.“ Mit feuchten Augen wendete sie sich ab.

„Oh“, sagte Steve. Mehr fiel ihm dazu offenbar nicht ein.

Aufatmend und eilig verließen Lydia und ihr Vater die Wohnung. Ulrich würde Lina und Steve nach Hause fahren, Lydia begleitete ihn.

Lina ließ sich Zeit und erzählte Steve etwas, während sie die Treppe hinuntergingen.

Er nickte verständnisvoll, ohne etwas zu verstehen.

Lydia übersetzte kein Wort mehr.



Als sie mit ihrem Vater wieder nach Hause kam, hatte ihre Mutter bereits alles aufgeräumt und wirkte gelöst. „Also, das war ein schöner Heiligabend“, erklärte Helga, bevor sie ins Bad ging, um sich fürs Bett fertigzumachen. 



 

Paula Dreyser ist Bibliothekswissenschaftlerin und Ethnologin. Nach einer Tätigkeit an der Universität mit Forschungsaufenthalten in Namibia übte sie verschiedene Berufe aus. Sie arbeitete als Lehrerin, betreute eine Schulbücherei, leitete Projekte in Institutionen der Familienbildung und führte ein Online-Antiquariat. Mittlerweile ist sie als freie Lektorin tätig und widmet sich ihren Romanen, die alle im „deutsch-amerikanischen Milieu“ der 60er und 70er-Jahre spielen. Mit Mann und fast erwachsener Tochter lebt sie im Vordertaunus, in der Nähe ihrer Heimatstadt Mainz.







Krisi Sz.-Pöhls lebt recht zurückgezogen in Oppenheim am Rhein.
Malen gehört seit ihrer Kindheit zu ihren Hobbys. Mittels Fortbildungen ist die Autodidaktin Künstlerin geworden.
Mehr von ihr auf ihrer Homepage www.salidaswelt.com
oder bei  www.zazzle.de/mbr/238764950947258943


Sonntag, 4. Dezember 2016

Wintersonne von Ingeborg Höverkamp





Foto von Ingeborg Höverkamp

Veilchenblaue Schatten kündigen ihr Kommen an. Der Himmel ist von einem transparenten Frostrot. Irgendwo bellt ein Hund. Der Schnee knirscht unter den Schuhen. Fast schmerzt das Atmen in der eisigen Luft.
Und nun ist sie da. Die Wintersonne. Ein Feuerball am Morgenhimmel. Nachtgedanken löscht sie einfach aus. Es ist, als glitzerten Milliarden Diamanten im Schnee. Die schneebedeckten Berge, vor wenigen Minuten noch dunkel und drohend, flammen frostrot. Silberhell ertönen die Glöckchen der Pferde, die mit dampfendem Atem die uralten, bunt bemalten Schlitten vom Tal herauf ziehen.
Mittag. Zu keiner anderen Jahreszeit feiert die Natur ein so verschwenderisches Lichtfest wir in dieser winterweißen Landschaft. Weich und fließend werden die Konturen. Gleißende Lichtkaskaden loten die Grenze des Erträglichen für das menschliche Auge aus.
Vor dem alten Bauernhaus sitzt eine schwarze Katze in der Morgensonne. Sie schnurrt behaglich, als ich sie streichle. Ihr Fell ist seidig und sonnenwarm. Von den Eiszapfen, die vom Dach fast bis zur Erde reichen, tropft es.
Allmählich werden die Schatten länger. Das Licht erscheint jetzt in einem leuchtenden Goldton. Berge, Hügel und Täler sind wie mit Goldstaub überzogen. Jetzt treten die Konturen wieder schärfer hervor. Aus dem Tal steigen feine Nebelschleier. Ein Hauch von Abschied liegt in der Winterluft. Die Geräusche aus dem Tal dringen wie verschlafenes Vogelzwitschern herauf. Schließlich verstummen alle Laute.
Und nun beginnt die Sonne mit ihrem Feuerwerk. Es ist, als setze sie die Berge in Flammen. Dunkelrot lodernd. Man glaubt, im Schnee leuchtende Rubine zu sehen.
Die ersten Sterne blinken am Abendhimmel. Langsam verblasst das Glühen. In dem Augenblick, in dem die Sonne hinter den Berggipfeln verschwindet, legen sich nachtblaue Schatten auf die Schneedecke. Und dann wird es bitter kalt. Gedanken an heissen Tee und Kaminfeuerwärme bewirken, dass man die Schritte beschleunigt. Der Schnee knirscht unter den Schuhen. Irgendwo bellt ein Hund. Das helle Licht des Vollmondes weist uns den Weg. Bald tauchen die erleuchteten Fenster unseres Hauses. auf. 

Ingeborg Höverkamp, wohnt in der Nähe von Nürnberg, Studium der Geschichte und der Anglistik, bis 1990 Lehramt, seitdem freie Autorin und Dozentin.
Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband, im VS und im Frankenbund, Leiterin der Schreibwerkstatt Blaue Feder.
Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreis, Auszeichnung für Lyrik, 1. Prosapreis der Stadt Nürnberg, Aufnahme in das Internationale Lexikon "Outstanding Writers of the 20th Century
Veröffentlichungen: u.a. Mondstaub, Gedichte, Elisabeth Engelhardt, Biografie, Zähl nicht, was bitter war, Roman, Tödlicher Tee, Krimi, Nie wieder Krieg, Hrsg., Von der Trümmerstadt zur Frankenmetroploe, Hrsg.

Ausführliche Infos unter: www.nuernbergwiki.de       Dort unter "Ingeborg Höverkamp"